Predigt zum Erntedank am 26. Oktober 2025
26. Oktober 2025, von Markus Widmer
"Einer trage des anderen Last!"

"Brüder und Schwestern, wenn jemand von Euch sich zu einer Verfehlung hinreissen lässt, dann sollt ihr ihn, vom Geist Gottes erfüllt, sanft, aber mutig wieder auf den rechten Weg bringen. Doch gebt acht, dass ihr nicht selbst in Versuchung geratet.

Einer trage des anderen Last: das ist das Gebot Christi. Wer sich einbildet, besser zu sein als derjenige, der gesündigt hat, der betrügt sich selbst. Prüfe darum Dein eigenes Tun und freue Dich an dem, was Du kannst – aber vergleiche Dich nicht mit anderen. Denn jeder hat seine eigene Bürde zu tragen.

Bedenkt: Was der Mensch sät, wird er ernten. Wer im Vertrauen auf das Vergängliche sät, wird Vergängliches ernten. Wer aber im Vertrauen auf das Ewige sät, wird Ewiges ernten."

Galaterbrief 6,1-8

Meine Gedanken zur Lesung

Liebe Mitfeiernde

Für meinen Begrüssungs-Gottesdienst im Herbst 1993 habe ich mir zwei Dinge gewünscht, die auch heute wieder Teil des Gottesdienstes sind: der eben gehörte Lesungstext und das Bild, das seit einigen Jahren auch im Pfarreizentrum hängt. Damals habe ich mit diesen Worten und diesem Bild gesagt, was ich unter Kirche-Sein verstehe – und darum gebeten, diese Vision mit-zuleben. Heute möchte ich mit diesem Text und diesem Bild danke sagen! Danke, dass ihr diesen Traum mit mir geteilt und auf vielfache Art auch gelebt habt.

Kirche ist für mich eine kunterbunte Schar von Menschen, die (in unterschiedlichster Verbundenheit) mit Jesus unterwegs durchs Leben sind – sich nicht an irgendwelchen Ideologien, sondern an Seinen lebensfördernden Worten und Taten orientieren – mit ihm aus der Beziehung zum „Geheimnis Gott“ Kraft und Freude schöpfen – und aus dieser Kraft und Freude füreinander da sind.
Ich könnte stundenlang erzählen, wie ich das habe erleben dürfen mit Euch – auch in ganz überraschenden Zusammenhängen – mit Menschen jeden Alters, aller Konfessionen und auch solchen, die sich als nicht-gläubig bezeichnen.

Ein überraschendes Beispiel soll stellvertretend für alle grossen und kleinen Hilfeleistungen stehen. Es war im Zusammenhang mit einer meiner schwierigsten Beerdigungen, weil ich null und nichts über die verstorbene Person wusste und auch keine Ahnung hatte, ob überhaupt jemand zur Beerdigung kommt. Ich habe diese Last bei einem Anlass am Vorabend mit ein paar Leuten geteilt und sie gebeten, während der Beerdigung an mich zu denken, obwohl auch sie die verstorbene Person überhaupt nicht kannten. Als ich dann auf den Friedhof kam, stand eine ganze Gruppe von ihnen am Grab von diesem für alle fremden Verstorbenen. Sie haben mich nicht nur in Gedanken sondern auch mit ihrem Da-Sein mitgetragen.

„Mittragen“ – das ist auch die Aufforderung von Paulus. Sie passt zu allen Lebenssituationen. Paulus fordert die Galater aber ganz direkt auch in einer Weise dazu auf, die vielen besonders schwer fällt: wenn jemand schuldig geworden ist: „Wenn sich jemand von Euch zu einer Verfehlung hinreissen lässt,“ schreibt er, „dann sollt ihr ihn sanftmütig wieder auf den rechten Weg bringen.“
Ein wunderbares Wort: „sanftmütig – sanft, aber mutig.“ Ein wunderbarer – aber nicht immer leicht umzusetzender Gedanke: Wie schnell sind wir entweder grob oder mutlos, wenn jemand „sich zu einer Verfehlung hat hinreissen lassen“!

Der nächste Satz tönt – einfach so gelesen – eher komisch, aber er gibt im Zusammenhang einen Tipp, wie man Sanftmut lernen kann: indem man nicht vergisst, wie froh man selbst ist, wenn man nicht grob auf Fehler aufmerksam gemacht wird. „Gebt acht, dass ihr nicht selbst in Versuchung fallt“ – und nicht von oben herab auf andere schaut:
„Wer sich einbildet, besser zu sein als sie – der betrügt sich selbst. Darum: Freue dich an dem, was du gut machst – aber vergleiche dich nicht mit anderen. Jeder hat seine eigene Bürde zu tragen.“

Das sagt mir: Niemand hat im Leben genau die gleiche Ausgangslage wie ich. Darum kann ich nie wissen, ob ich an seiner Stelle nicht gleich falsch gehandelt hätte – und dann froh wäre, wenn jemand mir helfen würde, mit der Last des Fehlverhaltens zurecht zu kommen.
Diese Gedanken sollen das Unrecht nicht rechtfertigen – aber die Heilmethode beeinflussen. „Einer trage des anderen Last“

  • nicht im Sinn von nach-tragend immer wieder mit den alten Geschichten kommen,
  • auch nicht im Sinn von einfach weg-tragen – so tun, wie wenn nichts gewesen wäre,
  • sondern im Sinn von mit-tragen: damit möglichst viel Wiedergutmachung möglich wird.

Mir ist klar, dass es in der Pfarrei und vielleicht auch unter Euch Leute hat, die ich im Lauf der Jahre oder auch erst kürzlich durch mein Verhalten verletzt habe. Und natürlich gibt es auch solche, die mich verletzt haben.

Ich bin allen dankbar, die mich sanft, aber mutig darauf aufmerksam gemacht haben, wenn ich auf einem falschen Weg war, gedanken- oder lieblos, und die mir vergeben und mich nicht abgeschrieben haben. Und ich bitte alle um Vergebung und Erbarmen, deren Wunde noch nicht verheilt ist. Ich hoffe, dass es bald anders werden kann. Wenn Ihr denkt, dass ich etwas dafür tun kann, dann sagt es mir – sanft, aber mutig.
Ich bin überzeugt, dass in allen Konflikten nicht nur von mir, sondern auch von Euch her nie Absicht bestanden hat, einander nicht ernst zu nehmen, sondern eher Gedankenlosigkeit oder Überforderung der Grund waren.

Noch ein letzter Gedanke: Mittragen ist allerdings nur bei Menschen möglich, die bereit sind, ihre Lasten mittragen zu lassen. Hätte ich damals nichts gesagt, wäre ich ohne Unterstützung auf dem Friedhof gestanden. Ich wünsche darum uns allen immer wieder den Mut, einander auch zu sagen, was uns belastet.

Amen.

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