Es ist die Viertelstunde Ruhe, bevor der Tag zum Leben erwacht – der Moment des Innehaltens während dem Tag, in dem sich heilsames Schweigen ausbreitet - die Besinnung am Abend, bevor sich die Nacht über den Tag legt.
Ich spreche von Ritualen. Sie können ganz unterschiedlich gestaltet sein: das tägliche Abendgebet, das Vorlesen vor dem Schlafengehen, eine bewusste Pause nach dem Mittagessen, den Lieblingsort aufsuchen … diese heiligen Momente des Lebens lassen uns innehalten und die ersehnte Ruhe finden.
Das Wort Ritual kommt vom lateinischen rituale und bezeichnet ursprünglich eine festgelegte Ordnung – wie sie etwa die Liturgie der katholischen Kirche kennt. Rituale sind wiederkehrende Handlungen mit einer festen Struktur, oft über Generationen hinweg weitergegeben. Und doch sind sie weit mehr als blosse Abläufe: Sie schenken Orientierung, besonders in einer Welt, die sich immer schneller dreht.
Ein Ritual verankert uns im Hier und Jetzt. Es braucht keine vielen Worte – manchmal reicht ein Ausdruck, ein Blick oder ein Moment der Stille. In Zeiten emotionaler Unsicherheit können Rituale ein Weg sein, das Innere zu ordnen, Gefühle zu kanalisieren, Gott Raum zu geben.
Gerade im christlichen Kontext öffnen Rituale eine neue Dimension von Raum und Zeit. Sie sind Haltestellen des Lebens, wo der Alltag in Zeitlupe tritt – und in welchen wir der göttlichen Gegenwart begegnen können.
Mögliche Räume für Rituale im Alltag können kleine, aber sehr bewusst ausgeführte Handlungen sein:
- Ein Kreuzzeichen machen, wenn man das Haus verlässt
- Zum Frühstücken eine Kerze anzünden
- Eine Tasse Tee geniessen
- Zwanzig Minuten meditieren
- Das Stundengebet beten
- Den Rosenkranz beten
- Am Morgen barfuss übers taufrische Gras gehen
- Beim Händewaschen, danke sagen und vielleicht ein kurzes Gebet für die Dankbarkeit sprechen
- Am Abend einen kurzen Tagebucheintrag schreiben
- Vor dem Schlafen drei schöne Dinge des Tages notieren
- Den Blick zum Himmel richten – am Morgen, Mittag, Abend